Leben und Tod

Leben und Tod
Ursula W Ziegler

Krankenhaus – Stationen für Kommen und Gehen.

Ich gehe hinein und besuche beide, den, der kommen will und den, der zum Gehen bereit ist. Und ich sehe und staune über Dinge, die nicht zusammenzupassen scheinen und doch gehen sie Hand in Hand.

Ich sehe, da kämpft einer mit dem Leben, tanzt gleichzeitig mit dem Tod und freut sich darüber.
Da nimmt einer alle Aufmerksamkeit, die er bekommen kann, übt sich in Beherrschung und tut sich selbst Leid, in seiner aufzehrenden Krankheit. Gleichzeitig genießt er die Schmerzen, hat sonst nichts, womit er noch am Leben teilnehmen kann und tanzt – tanzt mit dem Tod, den Tanz des Lebens.

Ich sehe Leid, Schmerz und Krankheit, die sich gegen das eigene Leben richtet. Und sehe die stille Gelassenheit, mit der alles ertragen wird, als gäbe es nur das, was das Leben lebenswert macht.

Ich möchte verstehen!

Und ich sehe das Kaninchen, das vor der Schlange sitzt und wartet, bis sie zubeißt.
Ich sehe aber auch, dass die Schlange keine Lust auf Kaninchen hat. Sie möchte lieber ihres Weges ziehen und doch wird sie das erstarrte Tier, das vor ihr sitzt, verschlingen.

Das Kaninchen hat gewählt.

Warum leidet der eine und bei dem anderen geht das Gehen eins, zwei, drei? Warum frisst sich der Mensch selbst auf, lässt sich auffressen, durch eine Krankheit, die unter den Sammelbegriff Autoimmunkrankheit fällt? Warum wollen Menschen leiden? Müssen sie das wirklich?

Ich kann nur das Leben des Einen genauer beleuchten und sehe, dass er sein ganzes Leben unter vielerlei Umständen gelitten hat. Er hat sich nicht getraut seinen Träumen zu folgen, hat anderen die Verantwortung für sein Leben übergeben, der Familie, der Gesellschaft, dem nicht erlernten Beruf und so weiter.
Autoimmun, gegen das Leben, gegen sich selbst. Und was ich sehe, ist der Kampf um Liebe, bis in den Tod.

Auf den Fluren begegnen mir Menschen mit betroffenen Gesichtern und Trauer in ihrer Haltung. Doch ich sehe darin Masken und Fratzen, die mich auslachen und anlachen.

Sie sind nicht über den Zustand des Patienten betroffen, sie sind nicht über den nahenden Verlust eines Angehörigen traurig, sondern über ihren eigenen Schmerz. Sie sind betroffen, da sie nicht mehr ausweichen können und dem Geschehen direkt ins Gesicht sehen müssen. Sie trauern um sich selbst und haben Angst vor dem Schmerz des Verlustes.

Und der, der gehen will, tanzt voll Freude den Tanz des Lebens mit dem Tod.
Aber da sind auch die Toten, die noch durch die Gänge laufen, die darauf warten, dass es endlich Schluss ist und die sich genüsslich quälen. Und ich sehe die Toten, die den Tanz des Todes mit dem Leben tanzen. Sehe ich richtig? Ist das eine oder das andere ein Trugbild?

Beides stimmt!

Ich verstehe jene, die sagen, man soll den Kranken, den Sterbenden begleiten, dem unmittelbaren Partner oder Betroffenen, Beistand leisten, einfach nur da sein. Ich verstehe auch jene, die sagen, der andere muss bitten, wenn er etwas will oder braucht. Die sagen: Das Leben ist nicht so. Man muss nicht wie das Kaninchen auf den Biss der Schlange warten, man kann aktiv etwas tun und sei es, sein Leben in Ordnung bringen und endlich die Botschaft der Krankheit annehmen.

Die Frage ist, können jene, die krank sind, die Botschaft überhaupt annehmen oder diese gar sehen, geschweige denn erkennen?

Sind die einen besser als die anderen und, wer von den beiden hat Recht?
Verstehen jene, die es erkennen und nicht betroffen sind, es als Botschaft für sich?

Sind wir nicht alle, noch in einem gewissen Maße, gegen das eigene Leben?

Krähen kreisen über einem Feld mit frisch aufgebrachtem Mist. Der eine gibt etwas ab, der andere nutzt es.

Und ich sehe einen neuen Bürger dieser Erde, der zum Kommen bereit ist, sich aber noch nicht entschließen kann, ob Heute oder Morgen oder doch erst Übermorgen.

Beide brauchen ihre Zeit, zum Kommen und zum Gehen.
Da beide zu ein und derselben Familie gehören, wird der Zeitpunkt sehr dicht beisammen liegen – vom Kommen und Gehen.

Auch beim Kommen sehe ich ganz unterschiedliche Dinge. Die Freude der Freundinnen, ihr Neid und ihre Überheblichkeit. Wird die Freundin jemals selbst empfangen?

Und ich sehe den Tod, der den Tanz des Lebens tanzt.

Ich sehe die Angst der Eltern, die noch jung sind und unerfahren und sich sehr auf den Familienzuwachs freuen.
Ich sehe neidvolle Blicke von Frauen, die mit flachem Bauch vorbeigehen und freundlich die Schwangere anlächeln. Und ich sehe die Angst der jungen Frau vor dem Sterben und dem Leben.

Was stimmt? Welche Sicht ist richtig?

Und ich sehe zwei tanzen, den Tod und das Leben. Beide lachen und scheren sich nicht um die Menschen mit ihrem Leid, ihren Schmerzen, ihrem Neid, ihren sich selbst auffressenden Krankheiten. Sie wissen, dass jeder gewählt hat, und dass alles seine Richtigkeit hat.

Ich sehe die Liebe bei jedem stehen, der nach ihr schreit und sich kämpfend nach ihr streckt und sie doch nicht zu fassen bekommt. Jeder sieht nicht, dass sie in ihm drinnen ist und so stark leuchtet, dass es um ihn ganz hell ist.

Dürfen die urteilen und sich zurückziehen, die sehen und erkennen? Sollen jene, welche wissen, nicht erst recht in der Nähe sein und alleine durch ihr Dasein auf die Liebe aufmerksam machen, sie verströmen, damit die anderen sich erinnern, ohne ein Wort darüber zu sagen?

Fragen – und die Antwort?

Liebe!

Urenkel und Urgroßvater, Kommen und Gehen im Tanz der Liebe mit der Liebe.

Ich sehe die Liebe, die sich verströmt und das Leid, das sich auffrisst.
Ich sehe den Tod tanzen und das Leben genießen.
Ich sehe die Liebe strahlen, aus allen Poren eines jeden Körpers.
Und ich sehe, wie das Leben ewig ist, denn ich sehe die Toten tanzen, den Tanz des Lebens, der Liebe und der Auferstehung.

Und ich sehe, dass nichts, absolut nichts, wirklich so ist, wie es scheint. Ich sehe, dass das Gehen nicht so sein müsste, wie es vollzogen wird und, dass das Kommen nicht mit einem Verlust einhergeht, der Leben heißt.

Ich sehe Tote tanzen und Lebendige tot sein.

Kommen und Gehen, in einem Haus, in einem Menschen.

Und über allem schwebt die Liebe, aus der alles entstand und in der alles lebt.

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