Flügel der Isis

Flügel der Isis
Ursula W Ziegler

»Ein Flügel der Isis«, schoss es mir durch den Kopf. Eine helle, länglich schmale Muschel lag vor mir im nassen Sand. Ich sah sie, war für einen Moment fasziniert über die Form und lief weiter.

Das Meer war am anlaufen, das Wellenspiel sanft, Luft und Wind kalt, aber schön und ließen die halbe Muschel schnell vergessen, bis eine zweite vor meinen Füßen lag. Dieses Mal bückte ich mich und hob sie auf. Wie ein aufgespannter Flügel, der auf vielen ägyptischen Abbildungen zu sehen ist, lag sie in meiner Hand. Nun wollte ich die erste Muschel doch wieder haben, denn offensichtlich wollte sie mir etwas sagen. Also nahm ich mir vor, auf dem Rückweg darauf zu achten, um sie wiederzufinden.

Die Hand mit der Muschelhälfte in der Jackentasche, ging es am Strand so weit, wie es das anlaufende Wasser erlaubte. Das gleich­mäßige hin und her beruhigt, gleicht aus, regt an, besonders dann, wenn alle Sinne offen dafür sind. Gedanken kann ich nur dann verfolgen, wenn ich stehen bleibe und selbst dann ist es schwer, da ich zu sehr im Meer aufgelöst bin.

Auf dem Rückweg suche ich vergebens nach der zweiten Muschelhälfte und so beginnen meine Gedanken langsam konstanter zu werden.

»Soll ich nur den einen Flügel, die eine Hälfte mitnehmen? Wieso denke ich, Flügel der Isis?« Isis war Göttin und Gattin von Osiris in Ägypten und es heißt von ihr, dass sie aus Liebe in die Unterwelt ging, dort alle Teile ihres Liebsten suchte und ihn wieder zusammensetzte.

Danach war sie Herrin über zwei Feuer, Tod und Leben, Licht und Dunkel. »Ist das etwas, das nur mich betrifft, aus Liebe alles tun?«

Die Wellen nehmen meine Gedanken mit. Als Antwort kommt: Es ist ein Thema der Frau, aus Liebe alles tun, aber auch ein Thema des Menschen selbst.

In Liebe in die eigenen Tiefen tauchen, dort aufsammeln und zusammensetzen, was zerstört ist, um dann Herr oder Herrin über sich selbst zu sein. Über seine eigenen Licht- und Schattenseiten, über seine Liebe, aber auch über seine Ängste.

Ich fand nur einen Flügel wieder, der in einem strahlenden Sandfarbton war. Warum? War dieser zweite Aspekt, das Leid der Isis, vorbei? Ja! Die Wellen raunten mir zu: »Das Leid ist überstanden«. Sie sangen: »Es ist an der Zeit, dass sich die Frau dessen bewusst wird. Die Frau muss sich nicht mehr demütigen lassen, um Liebe zu bekommen. Sie darf die Teile, die in ihr, wie in jedem Mann, zerstreut und zerstückelt herumliegen, zusammenfügen und heilen. Das ist alles. Der Mann darf das Gleiche tun. Nicht im Außen ist mehr zu suchen, sondern im Innen, in den eigenen Tiefen.«

Lange stehe ich still an meinem Ausgangspunkt und lasse das vor mir liegende Meer, wirken. Wir bilden eine Einheit, trotz der Kälte und der hereinbrechenden Nacht. Den Flügel der Isis in der Hand, stehe ich einfach da und lausche. Es fehlt noch etwas. An meinem Feriendomizil lebe ich einen Traum, in Harmonie und Liebe, Gleichklang, Freiheit und Kreativität.

»Weiß das Meer um seine Kraft?«

Meine Gedanken nahmen einen anderen Verlauf. »Welche Kraft?«, kam es vom Meer zurück. »Das Meer weiß nicht um seine Kraft und Macht, stellte ich erstaunt fest. Das Meer ist Kraft und Macht, dann braucht es natürlich nicht darum zu wissen. Es nutzt, was gebraucht wird, weil es bewusst ist und macht sich keine Gedanken, ob es Kraft und Macht oder Ähnliches hat.«

Meine Gedanken erschrecken mich ein wenig. Wenn ich bin und nicht mehr denken muss, dass ich bin, kann geschehen. Hoppla, das packt mich an meiner eigenen Nase. Mir geht es wie vielen, die weiter wollen und über sich selbst stolpern. Wenn ich weiß, dass ich ein Kind Gottes bin und Christus, beziehungsweise Gott in mir trage, dann muss ich nicht mehr denken, und brauche keine Suggestion mehr, dann bin ich nur noch. Dabei fällt mir ein, dass mich hin und wieder jemand fragt, wie machst du das, und ich sage, »das weiß ich nicht, es ist einfach da oder ich tu‘ es einfach«. So ist es wohl beim Sein auch. Nur Sein. Bewusst Sein. Und langsam mache ich mich auf den Rückweg.

Den Flügel der Isis fühle ich in der Hand und meine Finger spielen damit. Das Lied des Meeres klingt noch lange hinter mir und begleitet meinen Weg.

Isis, der Kampf hat sich gelohnt, der Kampf um Selbstachtung, um Liebe zu sich selbst, für jeden, der diesen Weg gegangen ist. Und es lohnt sich für jeden, der diesen Weg noch gehen wird, den Weg zu sich, um Herr über sich selbst zu werden. Dieser Weg, so gehen meine Gedanken weiter, geht über die bedingungslose Liebe. Isis holte ihren Bruder und Geliebten oder Gatten aus der Totenwelt. Vielleicht war es ein leiblicher Bruder. Wahrscheinlicher ist aber, dass es ihr männlicher Teil war, den sie gefunden und geheilt hat – ihr anders ich.

»Müssen jetzt alle Frauen ihren männlichen Teil mehr leben oder mehr Härte zeigen?«, fragt eine Stimme in mir. »Bedarf es dann keines Mannes mehr?« Die Stimme bleibt hartnäckig. »Es geht wohl mehr um die inneren Wesenszüge«, sagt eine andere Stimme plötzlich in mir. Ich bin überrascht und lausche. »Als Frau kannst du nur Frau sein, wenn es einen Mann zum Definieren gibt und umgekehrt. Aber um als Frau oder Mann vollkommen zu sein, muss integriert werden, dass die Frau auch männliche Teile hat und der Mann weibliche, die gelebt werden wollen. Es ist nichts Schlechtes dabei dies zu tun, du schaffst einen Boden der Harmonie damit und dies dürfte das wichtigste sein. Die Grundlage, dass Liebe gelingen kann – bedingungslos.«

Gespannt habe ich der zweiten Stimme zugehört. Ihre Argumente klangen einleuchtend und es fühlt sich gut an. Die Ruhe in mir verfestigt sich. Die Nacht senkt sich langsam über das Land und ich lasse mich einhüllen.

»Das Leid ist vorbei«, die Stimme des Meeres rief mich wieder. »Das Leid ist vorbei, sei, was du bist«, klingt es nach. »Du bist lustig«, denke ich, »so einfach ist das leider nicht immer – einfach sein«. Ich werde still und lasse alles wirken. »Doch«, geht es mir plötzlich durch den Sinn, »das Meer hat recht. Wenn ich bin, was ich bin, und lebe, was ich bin, erledigt sich alles fast von allein, erst dann kann etwas geschehen. Wie oft versuche ich etwas zu sein, das ich nicht bin, oder nicht besitze, wie zum Beispiel männliche Kraft und männliches Durchsetzungsvermögen? Wenn ich nur wäre, was ich bin, nämlich Frau, dann könnte das, was mir fehlt, einfach kommen und es wäre perfekt. Aber so versuche ich viel zu oft dem anderen Teil meines Selbst, dem männlichen, mehr Macht zu geben als er benötigt und ich überfordere ihn. Den weiblichen setze ich unter Druck und fühle mich schlecht, ob meiner Unvollkommenheit. Dabei bin ich das nicht«.

Als Frau bin ich recht kraftvoll, habe eine rasche Auffassung und einen guten, technisch veranlagten Verstand. Seit ein Mann in mein Leben kam, kann ich einiges loslassen, ohne genau sagen zu können, was es ist. Ich fühle mich als Frau und dies ist wunderbar.

Und wie ist es mit ihm? Er ist als Mann recht weich und sensibel, besitzt Einfühlungsvermögen und Hingabe wie eine Frau. Für mich, ist er damit mehr Mann, als einer, der diese Fähigkeit nicht hat, oder kaum. Ist er es für sich auch? Was heißt eigentlich Frau oder Mann sein? Sind wir nicht in erster Linie alle Mensch?

Die halbe Muschel erinnert mich an Isis. Wenn das Leid der Frau vorbei ist, weil sie den männlichen Teil ihres Selbst integriert hat, geschieht dann automatisch dasselbe mit dem Mann, mit dem ich zusammen lebe? Irgendwo schreien ein paar aufgeschreckte Amseln und scheinen mich auszulachen. »Zuerst muss der Mann sich selbst annehmen, als das, was ER ist, dann profitiert er von der Frau, die ihren Teil geheilt hat. Vergiss aber nicht, es geht auch umgekehrt, dass der Mann seine innere Frau annimmt und sich mit ihr aussöhnt und seine Partnerin zieht nach und profitiert von ihm«.

»Es geht nicht, dass einer allein die Arbeit macht und die anderen partizipieren davon. Jeder muss seinen Teil allein tun und erst dann kann er von dem anderen nehmen«, entnehme ich dem Geschrei der Amseln.

Zurück am Ferienhaus. Schuhe ausziehen und begrüßt werden sind eins. Etwas kracht in meiner Jackentasche. Beim Ausziehen, greift die Hand in die Tasche und befördert eine zerbrochene halbe Muschel zutage. »Alles Leid ist vorbei«, höre ich das Meer raunen.

»Sei, was du bist. Einfach Sein!«

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